Wieder und wieder Fallen

Eines der Dinge die mir am schwersten Fallen zurzeit ist es weiter motiviert und hoffnungsvoll zu bleiben. Ich sehe mich immer mehr über selbst kleinere Vorfälle innerlich zu zerbrechen, während für die größeren Unglücke aufgrund ihrer Häufigkeit meist nicht mehr als Zynik über bleibt.

Es ist ganz normal, dass im Leben nicht jeder einem was gutes möchte und es viele Steine auf dem Weg gibt. Mein derzeitiges Problem ist aber, zu glauben, dass es vor lauter Steinen keinen Weg mehr gibt. Innerhalb eines Monats hat die Ehemaligenversorgung der Bundeswehr nun zweimal den Boden und zum Teil die Existenzgrundlage unter meinen Füßen geraubt und ich merke, dass ich nur noch müde davon bin. Wie es Aytee so schön gerappt hat: „Doch wofür den Scheiss Weg gehen, wenn ich das Ziel nicht erkenn‘?“ Wenn ich mich dann „jammernd“ an mein Umfeld wende wird es dann auch meist zu gut mit mir gemeint. Sofort wird nach Lösung gesucht und Rat gegeben, aber soweit bin ich in diesen Momenten nicht und diese Informationen gehen auch komplett durch das Chaos in meinem Kopf hindurch. Wenn ich jammer möchte ich einfach nur eben das: jammern. Mir dieses „Recht“ selber zuzugestehen hat viel Zeit in der Therapie gebraucht und ich möchte dieses Recht gerne nutzen, da ich merke wie gut es mir tut. Lösungen kann ich dann suchen, wenn mein Kopf nicht mehr ein reines Chaos aus Gedankensträngen und Emotionswellen ist.

Genau das möchte ich nun auch tun: Mich ausheulen.

Ich erwarte nicht viel von diesem Leben, dass ich überhaupt noch etwas erwarte ist meinen Therapeuten zu verdanken, ansonsten wäre ich wohl ein noch zynischeres, noch jammernderes Arsch. Ich will keine tollen Luxusreisen, Autos interessieren mich nicht wirklich abseits ihrer Zweckmäßigkeit. Ich sehe mich zurzeit weder als großer Karrierehengst noch als Traumfamilienpapa. Ich will in erster Linie zur Zeit eines: Meine Ruhe und ein Leben haben. Viele aus meinem Umfeld meinen, dass ich ja die Zeit der Krankschreibung dafür hätte nutzen können, aber für mich war das nicht möglich. Engmaschige Kontrollen der Vorgesetzten und Ärzte, von einer Reha in die nächste oder zur ambulanten Therapie. Selbst nach meinem Umzug konnte ich nicht zur Ruhe kommen, da ich nie wusste aus welcher Laune ich wieder nach Hamburg befohlen werde. Ich hatte zu jeder Zeit das Gefühl überwacht, beobachtet und auf Abruf sein zu müssen. Ich weiß auch nicht, ob es normal ist aber Therapie ist zermürbend für mich gewesen. In jeder Einzelsitzung in der Reha oder in jeder ambulanten Sitzungen geht man zum Abgrund der Seele und zurück. Ob Schematherapie oder nur das Beobachten und Analysieren von Gefühlen und Situationen. Nach jeder Sitzung hätte ich sofort schlafen gehen können als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen und ich fand es gut, hätte ich mich nicht so gefühlt hätte ich geglaubt am Kern vorbei gearbeitet zu haben. Und ich war nichtmal ein Tag aus der Bundeswehr raus und jeder Fragte sofort: „Und nun? Du bist schon 25, so geht das nicht weiter!“ Also trotz dass ich offiziel Krank geschrieben war habe ich meine Kämpfe und meine Arbeiten gehabt, meine eigene Verpflichtungsskala. Nun muss ich mir eingestehen, dass das alles viel härter an mir genagt hat als ich es zugeben wollte. Dass ich erschöpfter bin als ich es je geahnt hätte. Der letzte Tropfen auf dieser Anspannung ist meine Angst in weitere Behandlung zu gehen aus Angst, dass es meine zukunftigen Berufe und Karrieren verbaut. Damals hatte ich die Wahl die Diagnose in den Abschlussbericht einzutragen und ich hab es zugelassen und damit meinen alten Beruf verloren. Ob es ein Fehler war sich so zu entscheiden weiß ich nicht und ich denke selbst nach heutigem Wissen würde ich so reagieren, da ich so einfach nicht mehr weiter machen wollte. Es gibt nichts was ich anstrengender Fand, als das Gefühl, nicht zu sein wäre schöner als SO zu sein. Trotz dass das Sterben eine meiner größten Ängste ist.

Was mich wieder und wieder überrascht ist aber, dass trotz meines geringen Anspruches an meinen Alltag ich wieder und wieder enttäuscht werde, wieder und wieder Behörden und Sachbearbeiter finde, die es schaffen selbst unter einer Nulllatte zu manövrieren. Bisher habe ich mir immer gesagt: „Du hast die schwarzen Schafe erwischt“. Mittlerweile muss ich mir aber eingestehen, dass ich einfach nicht stark genug für die vielen kleinen bürokratischen Kämpfe bin, die ich zu führen hätte. Stattdessen verstecke ich den Kopf in den Sand oder anders gesagt meiner Wohnung, da ich mich hier wenigstens sicher und etwas ruhiger fühle. Ich habe einfach die Schnauze gestrichen voll Papier schwarz zu machen. Ein Antrag nach dem nächsten, eine Einwilligung hier, dann verschludert eine Behörde dies oder sendet die vorgesandte Schweigepflichtentbindung nicht mit oder wartet Monate die die Akte überhaupt angerührt wird.

Das war es nun erstmal als kleine Wutablasse. Der nächste Antrag muss bearbeitet werden, oder vielleicht doch eine weitere Bewerbung…

Über schlechte Ärzte

Seit ich mich in Behandlung begeben habe, habe ich mit vielen Ärzten zu tun gehabt. Ich könnte Empathie und Apotheose mancher Ärzte hautnah erleben und auch erleben, wie ein System versagen, aber auch glänzen kann. Dieser Beitrag wird besonders subjektiv und ist auch für mich eine Möglichkeit loszulassen, was ich aus Höflichkeit nicht aus mir habe platzen lassen im direkten Gespräch.

Bei der Bundeswehr ist die medizinische Versorgung über die unentgeltliche truppenärztliche Versorgung geregelt. An vielen Standorten befinden sich Allgemeinmediziner vor Ort. Impfungen, Blut abgeben, EKG und allgemeinmedizinische Behandlung und auch Verbandwechsel sind dort kein Problem. Für alles fachärztliche wird man entweder in eines der Bundeswehrkrankenhäuser überwiesen oder zu einem zivilen Facharzt geschickt.

Als ich mich endlich entschlossen hatte mir Hilfe zu holen war ich sehr nervös und ängstlich vor dem Arztgespräch. Ich kannte die Symptome die ich hatte, ich war wegen genau dessen schon mit 17 in Behandlung, trotzdem fühlte es sich komisch an äußerlich völlig gesund beim Arzt im Wartezimmer zu sitzen. Auch ist es kein leichtes sich vor den Kameraden mit psychischen Erkrankungen zu outen, darüber aber in einem anderen Beitrag mehr. Auch ist es schwer an der Uni BW in Hamburg mit psychischen Erkrankungen ernst genommen zu werden. Man glaubt gar nicht was manche Kameraden bereit sind vorzutäuschen um Klausuren nicht schreiben zu müssen…

Der Behandlungsansatz meiner ersten Ärztin war simpel: Zwei Wochen krank schreiben und gut ist. Natürlich trat nach den zwei Wochen keine Besserung ein und ich wurde nach 5 Minuten Gespräch nochmal 2 Wochen krank geschrieben, weiterhin sollte ich „den erst besten“ Therapeuten auswählen und täglich mindestens 40 Anrufbeantwortet oder Wartelisten volltexten, leider bedeutete dies in Hamburg bei kassenärztlichen Versorgung: 6-12 Monate Wartezeiten im Schnitt. Nachdem ihre Heilungsversuche nicht fruchteten (welch Überraschung) gab sie mir die Schuld und unterstellte mir ich würde etwas Vorspielen und sagte mir „wir können Sie nicht weiter krank führen“. Ich konnte sie dann doch davon überzeugen einen Termin im BWK Hamburg auszumachen. Dort sind die Wartezeiten auch recht lang: 2 Monate in meinem Fall bis ich ambulant Vorstellig werden durfte. In dieser Zeit kümmerte ich mich um einen Termin bei einem Psychiater der mir Fluoxetin verschrieb. In der Zeit vor meiner ersten stationären Behandlung hatte ich dann noch zwei weitere Ärzte: Ein Vertragsarzt der eher den homöopathischen Weg einschlug (Baldrian gegen depressionsbedingte Schlafstörungen und Albträume), welcher bei mir so null Anschlug und eine Ärztin, die mir sagte, wenn ich mich umbringen wolle, solle man mich lassen, da ich eh nicht mehr zu retten sei, dies führte zu meinem ersten Versuch. Letztes Jahr hatte ich erneut das Vergnügen diese Ärztin zu haben und sie warf mich mit meinem Anliegen aus Ihrer Sprechstunde (ich war auf Befehl meines Chefs aus Hannover angereist) und meinte für mich habe sie keine Zeit.

Zum Glück änderte sich das alles als ich im Bundeswehrkrankenhaus war. Nach dem ambulanten Termin sollte ich sofort stationär aufgenommen werden und die erste richtige Behandlung hat begonnen, dort hatte ich auch das Glück einen Pfleger zu haben, der sich mit Skills auskennt und mir dort schon einige Regulationsmethoden begebracht hat. Allgemein war der erste Aufenthalt im Bundeswehrkrankenhaus sehr hilfreich. Ich konnte gut mit einigen Mitpatienten reden und auch die fachliche Betreuung war super. Anschließend wurde ich wieder an die Truppenärzte übergeben und da bekam ich es wieder mit der Angst, zu meinem Glück war die erste Ärztin gegangen und ich bekam eine sehr aufmerksame, fürsorgliche Ärztin, die auch bereit war ihre eigenen Grenzen als Allgemeinmedizinerin einzusehen und den fachlichen Rat der jeweiligen Instanzen (Therapeuten und BWK) nicht aus dem Fenster warf. Sie hatte auch das richtige Fingerspitzengefühl und verhinderte den Erfolg eines zweiten Suizidversuches. Sie war eine der wenigen Personen und Anlaufstellen, die bis heute mein volles Vertrauen genießen.

Eine ganze Zeit lang konnte ich so erfolgreich Therapie betreiben und hatte bis Anfang letzten Jahres gute Erfahrungen mit den Ärzten (zumeist zivil). Dann ging es um die Diagnostik eines Trauma. Zu dem Zeitpunkt war ich vergleichsweise stabil und hatte seit einigen Monaten keine Selbstverletzungen mehr gemacht. Leider wurde beim ambulanten Termin entschieden, mich in das übervolle BWK stationär aufzunehmen, mit der Konsequenz, dass ich dort 2 Wochen war, ohne einen Termin bei irgendwem zu bekommen, jeden Abend bei der Terminausgabe das gleiche: Kein Termin für Sie. Ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig eingesperrt, hilflos, wehrlos und der Willkür der zuständigen ausgesetzt. Jeden Tag da nur sitzen und warten, von morgens bis abends, keine Behandlung, kaum Freizeitmöglichkeiten. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen ist dies ein äußerst unerträgliches Empfinden. Als ich an einem Abend dann meine Notfallmedikamente wollte und der zuständige Nachtpfleger mir diese verweigerte kam es leider wieder zu einer Selbstverletzung. Es stellte sich heraus, dass der Pfleger kraft eigener Arroganz mir meine Medizin verweigerte. Am nächsten Tag, als ich wieder am Abend keinen Termin bekam lies ich mich selbst entlassen. Ich musste abwägen was mir wichtiger ist: Die Herkunft der Albträume finden oder meine derzeitigen Therapiefortschritte und meine körperliche Unversehrtheit. Meine Entscheidung fiel mir da nicht sehr schwer.

Eine letzte schlechte Erfahrung musste ich noch machen. Als ich im Herbst letzten Jahres dann doch nochmal das Trauma-Problem aufgreifen wollte wurde ich zu einem ambulanten Termin in das Bundeswehrkrankenhaus geladen. Mein Fehler dabei war nicht nach meinem bisherigen Arzt zu Fragen, sondern möglichst schnell einen Termin zu wollen. Ich hätte stutzig werden sollen als ich statt einem Monat nur 3 Tage bis zum Termin warten musste, scheinbar ist die Ärztin nicht sehr gefragt. Jedenfalls wurde mir gesagt, ich sei bald nicht mehr das Problem der Bundeswehr (Entlassung aufgrund von Dienstunfähigkeit) und um meine Gesundheit solle sich der nächste „Zahlungsträger“ kümmern. Weiterhin meinte Sie, dass die Traumafolgen nur eine EInbildung meiner Persönlichkeitsstörung seien. Einen Kameraden, der ebenfalls kürzlich diagnostiziert wurde, verweigerte sie direkt nach mir ebenfalls die Hilfe. So muss ich bis zum 31.7. ohne Behandlung bleiben, da mir die fachärztliche Empfehlung fehlt.

So nun habe ich genug Luft über die schlechten Beispiele von Ärzten abgegeben. Ich hoffe ich habe einfach nur die schwarzen Schafe erwischt und habe auch viele positive Beispiele gesehen (bis auf eine Ärztin aber alle Zivil).